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Dienstag, 19. Februar 2019

Der Heimatgedanke in einer sich verändernden Welt

G. Halfpap 1982 (ehem. Lehrer)

Seitdem die Menschen sich als geschichtliche Wesen begreifen, hat die Heimat in ihrem Fühlen und Denken immer eine bevorzugte Stellung eingenommen. Obwohl seit Jahrhunderten als Begriff gebraucht, von Malern in Farbe beschrieben, von Dichtern in vielfältiger Weise besungen, konnte das, was Heimat eigentlich ist, aber nie eindeutig bestimmt und für alle Menschen gültig festgelegt werden. So ist Heimat für viele Menschen die Stadt, das Dorf, in dem sie geboren wurden und die Jahre ihrer Kindheit verbracht haben. Andere sehen den Raum ihrer entscheidenden Lebensphasen (Jugend, Beruf, Ehe) als Heimat an. Nicht wenige sehen sich im Lauf Ihres Lebens von einer bestimmten Landschaft und deren Menschen so heftig angezogen, dass sie diesen Raum zu ihrer „Wahl-„ Heimat machen. Und die Millionen Vertriebenen unter uns mussten sich buchstäblich eine neue Heimat erleben, ohne die alte je vergessen zu können.

Beim Nachdenken über das, was Heimat dem einzelnen bedeutet, wird deutlich, dass es sich um eine Reihe von Empfindungen handelt, die erst im harmonischen Zusammenklang das Gefühl Heimat auslösen. So ist es z.B. der geographische Raum, die schöne oder charakteristische Landschaft nicht allein, die in uns heimatliche Gefühle wachruft. Sonst fühlte sich z.B. der Vertriebene, der heute nach Ostdeutschland fährt, wieder in seiner Heimat. Er ist es nicht, weil wesentliches von dem fehlt, was ihm Heimat war. Und das sind nicht nur etwa zerstörte oder verschwundenen oder heruntergekommene Bauten aus früherer Zeit. Was ihm vor allem fehlt, um das Land seiner Kindheit und Jugend wieder zu entdecken, sind die vertrauten Menschen, mit denen er umging, die Sprache, in der er sich den anderen mitteilte, die Lieder, in denen e r seine Empfindungen ausdrückte; es sind die vertrauten Begleitumstände seines werktäglichen Lebens, die im fehlen, und nicht zuletzt sind es die umgestürzten oder vernichteten Grabsteine seiner Vorfahren, die er vermisst. Nein- trotz der zeitweiligen Rückkehr an die Stätten seiner Kindheit, ist er von seiner Heimat weiter entfernt denn je.

Somit wird deutlich, dass Heimat Landschaft und Natur bedeutet, geliebte Menschen, Muttersprache und vertrautes Lied, das Heimat Geborgenheit ist in überschaubarer und vertrauter Umgebung unter Menschen eigener Sprache und Kultur, aber auch Erlebnis, Tätigkeit, Erfahrung und Leid.

Aber, so wird mancher einwenden, kann diese Beschreibung noch gelten in einer sich von Tag zu Tag verändernden Welt, in der die Technik mit immer gröberer Hand in unser Leben eingreift? Ist dies nicht eine Idylle, in die sich unsere Wunschvorstellungen flüchten, eine Idylle, die mit der Wirklichkeit nur noch wenig gemein hat? Es ist nicht zu leugnen, dass sich in den industriellen Ballungsgebieten – und damit auch in unserem heimatlichen Raum – gewaltige Veränderungen vollzogen haben und noch vollziehen. Mit dem Einbruch der Technik wurde das Gesicht mancher Landschaft völlig verändert, stellenweise bis hin zur Unkenntlichkeit. Und doch- auch eine veränderte Landschaft ist für die in ihr aufwachsenden und tätigen Menschen –Heimat im umfassenden Sinne. Hier kennen sie ihre Umwelt, hier sind ihnen die Mitmenschen vertraut, hier haben sie ihren Arbeitsplatz und ihren Verein, und nicht zuletzt: hier wird ihre Sprache gesprochen. Und jetzt und hier können sie aber auch die Inseln finden, die sich der Sehnsucht des Menschen nach Stille, Muße, Einkehr und Betrachtung öffnen, wenn er diese nur sehen Will und sie aufsucht: die alten Stadtteile in einer modernen Großstadt, die Natur- und Landschaftsschutzgebiete in Wald und Moor, das Stück Parklandschaft, mit den am Wasser spielenden Kindern oder die bunten Gärten der Eigenheimer oder Schrebergärtner.

Auch und gerade in einer sich so schnell verändernden Welt wie der unseren hat also der Heimatgedanke seine Berechtigung. In einer Zeit geschärften Bewusstseins für die Bewahrung einer Menschenwürdigen Umwelt ist es allen aufgegeben, für die Erhaltung des Stückchens Erde, das unsere Heimat ist, mit allen verfügbaren intellektuellen, moralischen und materiellen Kräften einzustehen.

Dazu gehören vor allem: Schutz der Landschaft vor weiteren Zerstörungen, Erhaltung wertvoller Bausubstanz, Vermeidung von Schmutz und Unrat auf Straßen, Plätzen und Anlagen- nicht zuletzt auch vor Schulen! Für die Heimat einzutreten bedeutet aber auch: Kampf gegen die Nivellierung und

Verproletatisierung unserer Muttersprache und Erhaltung des uns überkommenen Liedgutes, Einhalt zu gebieten der weiteren Verlotterung von Kleidung und Umgangsformen, vor allem aber mit Nachdruck aufzuhalten die immer mehr zunehmende seelische Verflachung in Teilen unserer Jugend.

Nur, wenn es uns gelingt, die in jedem Menschen liegenden Kräfte des Gemütes wieder anzusprechen und zu aktivieren – und das muss mit Wort und Lied, mit Malstift und heimatkundlichen Spaziergängen in der Grundschule und als Unterrichtsprinzip beginnen – wird der heranwachsende Mensch auch in einer sich verändernden Umwelt seine Heimat sehen und den in ihr lebenden Mitmenschen verbunden sein, denn noch immer gilt das Wort des großen Theodor Fontane:

„Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie Du!"